Bei der 29. Großen Gemeinsamen Jungweinprobe gaben die Winzer der Anbaugebiete Sachsen und Saale-Unstrut einen umfassenden Überblick zum neuen Jahrgang 2018. und die Regenvielfalt Mitteldeutschlands. Insgesamt 29 Rebsorten in 181 Weinen und Sekten konnten verkostet werden. Darunter 132 Weißweine, 16 Rosé, Weißherbst und Schieler, 21 Rotweine und 12 Sekte. Aus Sachsen nahmen 19 Betriebe teil, von Saale-Unstrut 17.

Jungweinprobe 2019 Sachen und Saale-Unstrut

Wenn man die mitteldeutschen Winzer nach der Güte des Jahrgangs 2018 befragt, erhält man unterschiedliche Antworten. Die Sachsen sprechen von einem Ausnahmejahrgang und verweisen auf eine Erntemenge, die mit 25.519 Hektoliter deutlich über dem langjährigen Durchschnitt lag.
Hans-Albrecht Zieger Geschäftsführer der Winzervereinigung Freyburg hingegen verweist auf deutliche Ernteverluste gegen über den Vorjahren an Saale und Unstrut und spricht bei der Jungweinprobe in Coswig von dramatischen Entwicklungen im Verlauf des vergangenen Jahres. „Naja, die Dramatik ging natürlich in zwei Richtungen. Zum einen hatten wir eine extrem hohe Trockenheit. Und zum zweiten hatten wir extrem hohe Temperaturen und eine sehr intensive Sonneneinstrahlung, die das Mistgewicht deutlich nach oben getrieben hat. Das führte einerseits zu einer hohen Reife und durch die hohen Temperaturen dazu, das der Säuregehalt deutlich niedriger liegt. Und das führt in der Konsequenz zu einem Wein, der sich deutlich unterscheidet von dem, was man aus unserer Region gewohnt ist.“
Besonders bei den in Coswig angestellten Rieslingen fiel der Hang zur Breitschultrigkeit auf. Wer Filigranität erwartet, musste da lange suchen. Obwohl die meisten der Weine, nach Hans-Albrecht Ziegers Vermutung, an Saale und Unstrut alle, künstlich mit Säure angereichert wurden. Ein mit Sondergenehmigung erlaubtes Verfahren, das bislang eher in südlichen Weinbauländern praktiziert wurde. Der Klimawandel lässt grüßen. Innovative und nachhaltig denkende Winzer wie Georg Prinz zur Lippe vom Weingut Schloß Froschwitz reagieren auf ihre Art.

Also für mich ist der Jahrgang 2018 ein sehr komplexer Jahrgang gewesen. Und wir haben als Betrieb versucht, relativ zeitig darauf zu reagieren. Wir haben im August die Blattmasse heruntergenommen, weil wir die Fruchtsäure erhalten wollten, die sollte uns nicht verloren gehen. Wir machen auch noch was besonderes. In Seußlitz auf diesen großen Terrassen, wir haben da fünf Terrassen übereinander, und da kombinieren wir, wie man das früher gemacht hat, einen gemischten Satz von Trainer und Riesling. Der Riesling gibt mir die feine fruchtige Säure und der Trainer gibt mir die Fülle und die Duftigkeit. Und das ist dann Mittelalter pur auf der einen Seite und auf der anderen aber auch wunderschön.
Doch Weinbau ist Veränderung in viele Richtungen. Per Prinz spricht auch gern von Künstlicher Intelligenz und autonom fahrenden Traktoren im Weinberg. Der Chefgenossenschaftler aus Freyburg hingegen träumt mit dem Blick auf die Landkarte von etwas ganz anderem. „Gerade wenn man die Wahrnehmung überregional betrachtet und ich meine Kollegen in den westlichen Anbaugebieten sehe, die haben in der Regel immer Schwierigkeiten, Saale-Unstrut und Sachsen räumlich und weintechnisch auseinander zu halten. Und insofern wird dort immer von Sachsen-Saale-Unstrut gesprochen.“
Da lässt der Widerspruch vor Ort nicht lange auf sich warten. Für seinen Plan, mit der von ihm mitgegründeten Weinbaugesellschaft Meißen in die Winzervereinigung Freyburg einzutreten, erhielt Zieger bekanntlich nicht die erhoffte Zustimmung seiner Genossen an Saale und Unstrut. Als Geschäftsführer des größter Weinproduzenten in Mitteldeutschland setzt er trotzdem auf Wachstum, um im hart umkämpften Lebensmitteleinzelhandel zu bestehen. Lässt da etwa das Vorbild Rotkäppchen grüßen? Schließlich ist man in Freyburg ja ein guter Nachbar. Prinz zur Lippe geht nach seinen abgebrochenen Expansionsversuchen in Thüringen, dem Verkauf seiner Kellerei in Zadel und der Verpachtung von mehreren Hektar seiner Weinberge an die Meißner Weinbaugesellschaft einen anderen Weg. „Ich möchte Proschwitz als den ältesten Weinbaubetrieb in Sachsen eher von der handwerklichen Seite und von der Innovation her weiter entwicklen. Dazu brauche ich keinen Riesenbetrieb, sondern ich möchte meinen Betrieb so aufbauen, dass ich hohe Flexibilität habe. Also meine Flächen jederzeit verändern kann, so wie ich sie brauche. Größer muß nicht unbedingt besser sein. Für mich ist wichtig: Qualität, Lebensgefühl und Zukunftsgestaltung.“

Halten wir fest, dass die Wege in diese Zukunft genauso individuell sind, wie die Weine des Jahrgangs 2018. Von denen die Besten wahrscheinlich noch tief in den Kellern ruhen.

Informationen zu den beiden mitteldeutschen Weinbaugebieten Sachsen:
Das Weinbaugebiet hat 494 Hektar Rebfläche im Ertrag. Die werden von insgesamt 1882 Winzern bearbeitet. Das sind über 10 Prozent der deutschen Winzer. Davon sind 1804 Kleinwinzer, 37 im Haupterwerb und 41 im Nebenerwerb. Die Sortenvielfalt ist enorm. Es werden insgesamt 67 Rebsorten angebaut. 82 Prozent sind weiße Reborten, 18 Prozent rote. Der Durchschnittsertrag lag im Jahr 2018 bei 52 Hektoliter je Hektar. Eine sehr niedrige Zahl, die sich durch die vielen Steillagen begründet. Saale-Unstrut:
Das Weinbaugebiet Saale-Unstrut hat aktuell 754 Hektar im Ertrag. 634 in Sachsen-Anhalt, 110 in Thüringen und 10 in Brandenburg. Hier arbeiten insgesamt 635 Einzelwinzer und Agrarbetriebe. Es gibt 33 Weingüter im Haupterwerb und 44 Weingüter im Nebenerwerb. Dazu kommen 14 Agrarbetriebe mit Weinbau, 5 Traubenerzeuger im Haupterwerb und 539 Kleinwinzer im Nebenerwerb. Es werden insgesamt 53 Rebsorten angebaut, 31 weiße und 22 rote. Der Durchschnittsertrag lag im Jahr 2018 in Thüringen bei 67,90 Hektoliter je Hektar und in Sachsen-Anhalt bei 60,55 Hektoliter je Hektar.